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| #03 Dirk Bell folded poster, 620 x 900 mm, front |
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| 2003 FUTURE7 Michael Schmidt Dirk Bell Thomas Schütte 2005 Katja Strunz > Essay aus Texte zur Kunst "Berlin", März 2005 |
DIRK VON LOWTZOW Feuer und Eis Dirk Bells Kunst nähert man sich am besten auf verschlungenen, um nicht zu sagen verwunschenen Pfaden. Sie führen mich zu seinem Atelier in das seltsame Niemandsland zwischen Berlin-Mitte und Wedding, in eine kleine Seitenstraße, die zu einer Baugrube weist und in der sich eine Endhaltestelle der für Ostberlin charakteristischen Trambahn befindet. Diese Straße ist eine Art Zwischenraum, einer jener Orte, nach denen man Heimweh hat, während man doch zu Hause ist, und in die man, wenn man noch vor einigen Jahren durch Berlin spazierte, alle Nase lang geriet. Vielleicht sind es solche Orte, Straßen wie diese, an denen alles unbestimmt ist und nichts festgelegt erscheint, die leer stehenden Geschäfte und das aufgerissene Kopfsteinpflaster und ähnliche romantische Zuschreibungen, die Berlin für Künstler wie Dirk Bell heute immer noch zu einem Versprechen machen — von dem ich glaube, dass er hartnäckig daran arbeitet (oder eben auch nicht), bestimmte Klippen zu umschiffen, der sich beständig neue Fallen stellt und wieder anderen ausweicht. Entgegen allen Erwartungen meinerseits stellt sich Dirk Bells Atelier nicht als Wunderkammer dar. Vielmehr ist es eine etwas verrumpelte Wohnung im zweiten Stock eines gerade frisch renovierten Wohnhauses. Der hier herumgeistert, reicht seinen Besuchern Tee. Dirk Bell führt mich in seine „Bibliothek“, ein Zimmer, in dem er neben einer Ansammlung von Büchern, Katalogen und Zeichnungen große Mengen von „Perry Rhodan“, „Atlan“ (Sohn von Atlantis)und „John Sinclair“-(Dämonenpeitsche) Ein weiterer Haupteinfluss, der noch in den Arbeiten der frühen Ausstellungen in seiner Stammgalerie BQ in Köln („Why are my friends such finks“, 1998, zusammen mit F. Kunath) anklingt, breitet sich in Form auf losen Blättern scheinbar unzusammenhängend verteilter, skizzenhaft wirkender Zeichnungen vor mir aus: Pferde und Barbaren mit exzentrisch gekrümmten Hörnern, Frauengestalten und bizarre Landschaften, stark schraffiert aufs Papier getuscht, verweisen auf die archaisch-kitschige Bilderwelt des amerikanischen Comiczeichners Frank Frazetta. Dessen „Hauptwerk“, der zusammen mit Ralph Bakshi (bekannt durch die Adaptionen von „Fritz the Cat“ nach Robert Crumb und „Der Herr der Ringe“ fast fünfundzwanzig Jahre vor Peter Jackson) gestaltete Zeichentrickfilm „Feuer und Eis“ ist auch ein erklärter Lieblingsfilm Dirk Bells. Langsam beginne ich zu glauben, dass der gerne als Höhepunkt des Eskapismus geschmähte Fantasyboom der frühen achtziger Jahre einen nahezu unauslöschbaren Eindruck bei Menschen in Dirk Bells (und meinem) Alter hinterlassen haben muss. Für Dirk Bell als Zeichner sind Künstler wie Frazetta, H. R. Giger, Leonor Fini oder selbst der notorische Bruno Bruni so interessant und bilden wichtige Bezugspunkte, weil sie sich, nach künstlerischen Kriterien beurteilt, auf ausgesprochen unsicherem Terrain bewegen. So wie Dirk Bells Atelier im „Niemandsland“ zwischen dem hippen Mitte und dem proletarischen Wedding liegt, finden die oben Genannten in einer Art Zwischenwelt zwischen Postergalerie und Kunstbetrieb statt. Die Beschäftigung mit Figuren, die sich in einer Art „Zone“ aufhalten und an die man sich nur im Zickzackgang annähern kann (um Tarkowskis „Stalker“ zu zitieren, einen weiteren seiner Lieblingsfilme), verhindert laut Dirk Bell eine zu frühe Versteifung auf den Kunstbetrieb und erscheint ihm immer reizvoller als „schon in der Akademie ständig mit einer Flash Art-Nummer unter dem Arm herumzulaufen“. So scheint mir seine Verbundenheit mit Fantasy-Illustratoren, Gebrauchssurrealisten und Airbrush-Artisten weniger ein koketter Flirt mit der „low art“ zu sein, kein Versuch, einen Distinktionsgewinn aus dem Verweis auf vermeintlich „verpönte“ Kunstgattungen zu ziehen, als vielmehr ein notwendiges Verfahren, um allzu früher Konsolidierung im Kunstbetrieb vorzubeugen. Auch und vor allem deshalb stellte und stellt Berlin ein Versprechen für Künstler wie Dirk Bell dar, weil sich hier aufgrund der viel beschworenen „billigen Mieten“ und leer stehender Räume einigermaßen einfach Nischen finden lassen, in denen man sich abseits vom Galeriebetrieb aufhalten kann. So betätigte sich Dirk Bell bereits des öfteren als Bar-(Mit)betreiber, zuletzt in der immer etwas grottenartig wirkenden „Apotheke“ in der Schönhauser Allee, arbeitete an einer Nummer des vom Arbeitskreis „Neue Dokumente“ erstellten Freier — Magazin für Befindlichkeit mit und befasst sich überdies mit der Herstellung von Schmuck. Dabei ist Dirk Bells Vorgehensweise niemals zielgerichtet und lässt nichts von der bemühten „Macher“-Mentalität spüren, mit der man bei ähnlichen Positionierungen oft konfrontiert ist. Die Dualität zwischen Licht und Schatten, Nacht und Tag, Feuer und Eis, diese symbolhafte Ambivalenz bildet auch das Grundprinzip in Dirk Bells jüngsten Arbeiten, die aufgrund ihrer extremen Hochformatigkeit nicht selten an Darstellungen von Tarotkarten erinnern, beispielsweise an das 1944 von der englischen Künstlerin Frieda Harris gestaltete, berühmte „Aleister-Crowley-Tarot“. Überhaupt spuken die mehr oder weniger geheimen Lehren dieses englischen Exzentrikers und glühenden Nietzsche-Verehrers, Yogameisters und Tantrikers mit schöner Regelmäßigkeit in Dirk Bells Werk herum, und sei es nur indirekt über den massiven Einfluss Kenneth Angers, der in diversen Zeitschriftenbeiträgen, Monografien und Ausstellungen (zuletzt sehr schön bei Modern Art in London) sowieso zurzeit eine Auferstehung zu feiern scheint. An dergleichen esoterische Traditionen erinnerte auch das Deckenfresko, mit dem Bell die BQ-Koje bei der letztjährigen Art Basel versah, das, ganz aus Kreisstrukturen komponiert, auf den so genannten „Baum des Lebens“ der jüdischen Kabbala zu verweisen schien. Spätestens hier kann dem/der Betrachter/in schon mal etwas schwindelig werden. Jedoch, wie eingangs erwähnt, ist Dirk Bells Kunst nie einseitig rubrizierbar und erschöpft sich nicht in der Erfüllung gängiger Klischees. So gegenwärtig Spätrenaissance, Symbolismus, Romantik und Esoterik in seinem fast klandestin anmutenden Werk auch sind, so unpassend scheint ein ohnehin fragwürdiges Label wie „neue romantische Malerei“ für ihn zu sein. Vieles an seiner Haltung gegenüber der gängigen Ausstellungspraxis erinnert vielmehr an die institutionskritische Kunst der neunziger Jahre, und zuletzt wusste er mit Anklängen an die klassische Avantgarde zu überraschen: Bei der Gruppenausstellung „Jetzt und zehn Jahre davor“ Ende letzten Jahres in den Berliner Kunst-Werken zeigte er zwei Objekte, die (eines davon in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Juliane Solmsdorf) an Man Ray oder eine abgeschrabbelte Version von Marcel Broodthaers gemahnten. Zu durchdrungen von der Moderne und zu wenig trivial sind seine Arbeiten, zu skeptisch ist Dirk Bell gegenüber sich selbst der „Intention“, zu dialektisch ist sein Verfahren, zu überraschend und unzynisch sind seine Ergebnisse, als dass man seine Kunst als sentimental und einem neuen Sensualismus zugehörig klassifizieren könnte. Dirk Bell vermag seine Umgebung genau zu analysieren, zu fragmentieren und kaleidoskopartig neu zusammenzusetzen. Der Blick aus seinem Fenster auf die nahe gelegene Charité lässt diese aus dem Nebel aufsteigen wie eine moderne Variante von Böcklins „Toteninsel“. Seine Arbeiten, so scheint es mir, changieren beständig zwischen Pose und Authentizität: Dinge können sich verändern, wenn man sie gegen das Licht hält, eine Atelierwohnung kann sich in eine Camera obscura verwandeln: Dirk Bell lässt sich im Dunkeln die Bewegungen vorschreiben. Frei nach einem Diktum Gustave Moreaus: „Ein gutes Bild, welches der hervorbringenden Phantasie genau entsprechen soll, muss geschaffen werden wie eine ganze Welt“(1), begnügt sich Dirk Bell nicht mit der Befriedigung von Bedürfnissen, sondern schafft Voraussetzungen, das ebendiese überhaupt entstehen können. Anmerkung
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